Haiti-Kinderhilfe

Reise 2017/2018 - 6. Bericht

Körperliche Gewalt – schlagen und treten - oder fast stumm

Freitag, 29 Dezember 2017.
  1. Reisebericht

Die letzten Wochen war ich täglich in unserer 1. Schulklasse. Ich war erschrocken, dass einzelne Kinder extrem gewalttätig sind. Vielleicht ist es ein normales Gruppenverhalten – mir fehlt da jede Erfahrung.

Es wird brutal gegen das Bein getreten, versucht den Bleistift in die Augen zu stechen, mit dem Stuhl zuschlagen zu wollen. Schlagen, Beißen und Treten. Einige Buben können nicht ruhig sitzen und sausen im Klassenzimmer rum und verbreiten Unruhe und zetteln immer wieder Streitereien an.

Ich diskutierte das mit allen Lehrern. Ja, es sei ein Problem. Schon bei den Kleinen. Allerdings hier noch nicht so brutal, wie bei den Größeren.

In unserem Projekt ist es verboten, ein Kind zu züchtigen, was ja für Haiti völlig anormal ist. Bei uns spricht man mit den ‚Kampfhähnen‘ und sie müssen sich dann entschuldigen. Ein Vater hat seinen Jungen aus der Schule genommen, denn er ist überzeugt, dass nur mit Schlagen aus dem Jungen was werden würde.

Außer Frage, man muss die große Mehrheit sehen, die zwar wild ist, aber nicht aggressiv. 

Wir bestellen alle Eltern ein. Einerseits um das Zeugnis zu besprechen, aber auch um sie auf das Verhalten der Kinder anzusprechen. Es kommen fast alle. Farah hält eine lange ausführliche Rede über Gewalt und Schlagen, auch über sonstige Auffälligkeiten der Kinder. Manche machen noch immer Pipi wo sie gerade sind. Ein Junge, jetzt schon 6 Jahre, verhält sich wie ein Baby und liegt am Boden und weint.

Nach Ihrer Ansprache, werden alle Eltern mit Problemkinder aufgerufen und sie möchten doch bitte zu den verschiedenen Klassen gehen, dort würde bereits der Klassenlehrer warten und man wird individuell über ihr Kind sprechen. Hier geht sofort ein Murren durch die Gruppen. Ich höre, wie einige sagen: „ Wenn ich dahin muss, dann kann er was zu Hause erleben …“. Also genau, das Verhaltensmuster, welches wir durchbrechen wollen.

Ich weiß, dass jedes Kind seine Geschichte hat. Hunger ist normal. 
Wasser schleppen, Feuerholz sammeln, geschlagen werden, sich gegen größere Geschwister wehren und Vieles mehr.

Einige Beispiele:

Jean-Eddie. Er will ununterbrochen quatschen. Er ist ein lustiger Junge, kann aber nie länger ruhig sitzen und schlägt oftmals zu und sofort als Schutz weint er und beschuldigt den anderen. Wir hatten ein langes Gespräch mit dem Vater. Sie haben 11 Kinder und können ihn auch zu Hause nicht bändigen.

Djoudley. Schon seit dem ersten Kindergartentag zerbricht er immer alles, oder macht was kaputt. Farah erzählt, dass Djoudley zu Hause so geschlagen wird, dass er schon öfters mit blutigem Rücken zur Schule kam. Wir lassen die Familie suchen. Sie leben in einem Verbund. Wir wollen uns mit der gesamten Sippe, die dort lebt, treffen. Es sind drei Familien, Großeltern, 2 verheiratete Tanten und Onkeln, alle mit Kindern. Wir erfahren, dass die Mutter mit den jüngeren Geschwistern den Vater vor einiger Zeit verlassen hat, da er sie jahrelang geschlagen hat und zu Hause immer alles kurz und klein schlägt. Jetzt ist der Junge seinem Vater ganz ausgeliefert. Vor einigen Wochen schlug der Vater seinen eigenen Vater, dass dieser hospitalisiert werden musste und die Großmutter wurde schwer verletzt. Auch wurde Djoudley wieder total verprügelt. Jetzt ist der Vater zwar seit diesem Vorfall in Port-au-Prince, aber man wisse nie wann er wiederauftaucht. Auch sei dieser ‚verrückt‘ und sein Sohn Djoudley wohl auch, meinen die Verwandten.
Die Oma kümmert sich jetzt um Djoudley. Er bekommt aber nie morgens was zum Essen. Er wird eigentlich von allen nicht gerne gemocht. „Man würde ja immer mit ihm schimpfen und auf ihn einreden…“ waren deren Argumente. Wir reden lange mit den Familien. Eine Tante hat auch ein Kind im Kindergarten. Die zweite Familie will nächstes Jahr ein Kind anmelden. Wir drohen, wenn sie nicht aufhören Djoudley zu schlagen, ihn nicht einfach mal netter behandeln, haben ihre Kinder keinen Platz bei uns. Wir wollen gemeinsam versuchen, ihm zu helfen, damit er vielleicht sein Verhalten ändern wird. Sie versprechen es,……….

Djoudley treffen ihn zufllig

Djoudley als wir ihn zufällig zu Hause treffen

Djoudley glcklich und friedlich im Feriencamp

Djoudley glücklich und zufrieden im Feriencamp

Sely. Er hat so viele Fehltage, da er auf die kleine Schwester aufpassen muss und deshalb einfach im Unterricht nicht mehr mitkommt. Er kommt jetzt nach dem Gespräch mit der Mutter zwar jeden Tag, verweigert sich aber total. Er stand Stunden da, schlug immer wieder auf einen anderen Kameraden ein, warf seinen Stuhl, schrie spontan manchmal so laut und grell, dass alle zusammenzuckten.
Einmal wurde er ohnmächtig, da er wohl seit 2 Tagen nichts mehr gegessen hatte.

Dann haben wir noch einige Kinder, die sehr schwer lernen und richtig verschüchtert und traurig sind, fast nie sprechen. Obwohl sie nun schon das 3. Jahr hier sind. Einer von ihnen ist Djouvany – heute ist auch noch seine Mutter gestorben.

Dieudelin. Er stottert, kommt nie zu Wort, ist fast stumm. Das wird auch als großer Makel angesehen.

Abidael. Sie spricht ganz leise und schreibt ganz klein und wird immer von ihren Brüdern geschlagen. Als sie einmal schluchzend kam und leise wieder davon erzählte, meinten die Anwesenden „ Das ist doch Nichts!“und gaben mir ein Handzeichen, es zu ignorieren.

Wenn ich in Deutschland von unserem Projekt und den Umständen der Leute erzähle, denken sicherlich viele, dass hier alle dankbar und happy sind und unsere Kinder deshalb ‚Engelchen‘. Ja, die Kinder sind glücklich jeden Tag zu kommen, da einfach viel geboten ist. Aber sie kommen auch mit den schweren Lasten, die sie im Herzen tragen und die müssen sie wo ausleben.
Auch frage ich mich, ob diese körperliche Gewalt, noch auf die Sklavenzeit zurückzuführen ist? In Haiti hat noch nie eine Generation in Harmonie und Frieden gelebt. Immer war und ist noch Leiden vorhanden, es gibt keine Perspektive, nur Abhängigkeit, man wird ausgenützt. Gewalt ist ein großer Teil des Alltags.
Ich werde den Versuch starten und unsere 7 speziellen Problemkinder, auch während der 3 Wochen Weihnachtsferien 3 x wöchentlich mit einem Lehrer gemeinsam zu betreuen. Sie sollen abwechselnd in 2 Gruppen lernen und mit mir spielen.
Für die restlichen Schulkinder erstelle ich einen Plan, dass an den anderen Tagen immer eine kleine Gruppe zum Spielen kommen darf.

Vielleicht erreichen wir was, bin gespannt?

Roswitha

Bitte Kommentar schreiben

Sie kommentieren als Gast.